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Philipp Billion

Graphische Zeichen mittelalterlicher Portolankarten

Dissertationsprojekt
 

Nautische Karten des Mittelalters zeichnen sich durch eine bis dahin unerreichte Genauigkeit der Küstenlinien aus und zeigen in der Regel das Mittelmeer, das Schwarze Meer und die europäische Atlantikküste. In der hier untersuchten Frühzeit der Seekartographie sind diese Karten mit bis zu 600 Zeichen ausgestattet (z.B. für Städte, Berge und biblische Orte), deren äußere Form ständigen Weiterentwicklungen unterworfen ist.

Es ist wenig bekannt über die Kartographen, den Zweck der Karten, die Verbindungen und Traditionslinien, in denen die einzelnen Kartographen standen, das geistigen Umfeld, dem die Karten entstammen und den Ursprung der Gattung. Um hier zu neuen Erkenntnissen zu kommen, soll in diesem Dissertationsvorhaben in einem neuen methodischen Ansatz, basierend auf den graphischen Zeichen, die visuelle Sprache der Karten untersucht werden.

Hierfür werden Beschreibungs- und Analysemethoden aus vier Disziplinen herangezogen: Klassische historische Quellenkritik in Kombination mit kunstgeschichtlichen Techniken der Untersuchung von Bildern, sowie linguistische Methoden der Zeichenanalyse kombiniert mit denen der traditionellen Hilfswissenschaften. Auf dieser Weise kann der Ergebnisgehalt der Arbeit durch eine interdisziplinäre Herangehensweise erweitert werden.

Grundlegend für mein Forschungsvorhaben ist zunächst eine Untersuchung und Klassifizierung der Zeichen und ihrer Entwicklung. Mithilfe einer ikonographisch-vergleichenden Auswertung können dann überlieferte Karten, die keinen Vermerk über ihr Herstellungsdatum, den Kartographen oder den Ort tragen, lokalisiert und datiert werden. Die bisher undatierten Karten machen ca. zwei Drittel aller überlieferten Portolankarten aus. Auf dieser Basis kann in den folgenden Studien eine Erweiterung und Überprüfung des Wissens grundlegender Aspekte der Quellengattung und die Dekodierung der "visual language" der Karten vorgenommen werden. Über die Erforschung der Abhängigkeiten der Karten untereinander anhand der Beziehungsgeflechte graphischer Zeichen sollen allgemeine Rückschlüsse auf die Organisation der Kartographen, ihrer Schulen und ihrer Traditionslinien gezogen werden. Die semiotische Analyse des Zeichensystems wird strukturelle Unterschiede der Zeichen in Relation zu den vorherigen Ergebnissen stellen. Parameter der Zeichentheorie sollen z.B. auf Abhängigkeiten vom Entstehungsort geprüft werden, um so regionale Ausprägungen der Zeichenkonstruktion und Zeichenbenutzung aufzuzeigen.

Anschließend soll die Herausbildung eines konventionellen Zeichenrepertoires erforscht werden. Auf globaler Ebene kann hierfür z. B. eine quantitative Analyse der Bandbreite des Spektrums der verwendeten Zeichen dienen. Auf Zeichenebene kann anhand der Entwicklung einzelner Zeichen die Kanonisierung einer graphischen Universalsprache im Spätmittelalter untersucht werden. Als Synthese aller vorherigen Arbeitsschritte sollen neue, grundlegende Erkenntnisse der Geschichte der nautischen Kartographie des Mittelalters in ihrer zeitlichen, geographischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung formuliert werden. Ziel der Arbeit ist die Erforschung von Produktion und Rezeption mittelalterlicher Portolankarten und die Entwicklung dieser Gattung in ihren zeitlichen, geographischen und kulturgeschichtlichen Dimensionen.