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Johannes Hofmeister

Klimaentwicklung in Mittelhessen seit dem 16. Jahrhundert unter Berücksichtigung der Mensch-Umwelt-Beziehungen

Dissertationsprojekt
 

Ziel dieses Vorhabens ist die Rekonstruktion der Klimaentwicklung im Gebiet des heutigen Regierungsbezirks Gießen seit dem 16. Jahrhundert, wobei die historische Wahrnehmung von Klima und Witterung eine bedeutende Rolle spielen wird. In dieser Region wurden bisher nur ansatzweise historisch-klimatologische Untersuchungen durchgeführt, weshalb durch diese Arbeit eine räumliche Lücke geschlossen werden soll. Die Stärke der Historischen Klimatologie liegt insbesondere in ihrer regionalen Anwendbarkeit. Neben dem allgemeinen Witterungsgang ist die Häufigkeit von extremen Ereignissen wie Unwettern, Stürmen und Hochwassern von wichtiger Bedeutung. Diese Extremereignisse werden nach ihrer Entstehung und ihrer Intensität klassifiziert. Am Ende der Untersuchung sollte eine lange und möglichst lückenlose Zeitreihe entstehen, die den langfristigen Verlauf des Klimas nachzeichnet. Dafür müssen die historischen Witterungsbeobachtungen mit vorhandenen instrumentell erhobenen Meßreihen (die teilweise in die Mitte des 19. Jhs. zurückreichen) verknüpft werden. Hierbei muß auch die regionalklimatische Differenzierung Mittelhessens berücksichtigt werden. Ein Vergleich mit der großräumigen Klimaentwicklung in Mitteleuropa wird ebenfalls vorgenommen.

Ein wichtiger Schwerpunkt dieser Arbeit sind aber vor allem die Auswirkungen von Witterung und Klima auf Bevölkerung, Wirtschaft und Kultur. Insbesondere die Abhängigkeit der stark agrarisch geprägten, vorindustriellen Gesellschaft von den Witterungsverhältnissen und die Anfälligkeit gegenüber Klimaschwankungen und Witterungsextremen sind dabei von Interesse. Es soll untersucht werden, welche Bedeutung die Witterung für die Bevölkerung in der Vergangenheit hatte und wie man die Folgen ungünstiger oder extremer Witterung bewältigt hatte. Welche Rolle die Autoritäten, die Kirchen oder die Bürger dabei gespielt hatten und ob es unterschiedliche Bewältigungsmechanismen in den jeweiligen historischen Territorien gegeben hatte, wird dabei ebenfalls hinterfragt. Ebenso werden mögliche schichtspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung der Witterung durch historische Gesellschaften berücksichtigt. Deutungen und Erklärungsmuster (z. B. Aberglaube, religiöse Vorstellungen, wissenschaftliche Erkenntnisse) spielen ebenso eine Rolle wie die Erinnerungskultur (z. B. "Hagelfeiertage"). Die Untersuchung von Witterung und Klima aus der Sicht der Mensch-Umwelt-Beziehungen muß selbstverständlich vor dem Hintergrund der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der jeweiligen Zeit betrachtet werden.

Um den Witterungsverlauf vor dem Zeitalter der Instrumentenmessungen rekonstruieren zu können, werden historische Witterungsbeschreibungen ausgewertet. Diese Überlieferungen müssen in der historischen Literatur, aber vor allem in historischen Quellen recherchiert werden. So sind historische Witterungsberichte häufiger in der lokalgeschichtlichen und heimatkundlichen Literatur zu finden, aber auch ältere Landeschroniken und Landesbeschreibungen beinhalten derartige Berichte. Witterungsbeschreibungen aus der Literatur sollten jedoch generell kritisch betrachtet werden, der Vorzug sollte den Originalquellen gelten. Zu den Quellengattungen, in denen Hinweise auf die Witterung zu finden sind, gehören vor allem Verwaltungsakten, die häufig über die Schäden ungünstiger oder extremer Witterung Auskunft geben. Aus diesen Akten geht außerdem hervor, welche Stellen und Behörden für die Erfassung und Bewältigung von Witterungsschäden verantwortlich waren. Ältere Versicherungsakten geben ebenfalls Auskunft über Witterungsschäden und deren Bewältigung. Darüber hinaus können auch in Haus-, Orts-, Pfarr- oder Schulchroniken Hinweise auf die Witterung gefunden werden. Forstwirtschaftliche Quellen stellen allerdings einen besonderen Schwerpunkt in dieser Arbeit dar. Vor allem Forstrechnungen eignen sich aufgrund ihres seriellen Charakters besonders für historisch-klimatologische Untersuchungen, da hiermit langfristige Entwicklungen und Einschnitte nachvollziehbar sind. Von Bedeutung sind hierbei insbesondere Berichte über Schäden am Forstbestand durch Wind- oder Schneebruch, somit können Starkwind- und Sturmereignisse oder Schneefallintensitäten rekonstruiert werden. Akten, die über die Erträge der Eichel- und Buchelmast Auskunft geben, eignen sich ebenfalls zur Rekonstruktion der Witterung.

Dieses Vorhaben stellt insgesamt betrachtet eine interdisziplinäre Verknüpfung von (klima-)geographischen und historischen Fragestellen und Arbeitsmethoden dar.