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Sarah Velte

Untersuchung zu Funktion und Zweck antiker Fremdvölkerbeschreibungen

Dissertationsprojekt
 

Gegenstand des nachfolgend vorgestellten Dissertationsvorhabens ist die antike literarische Überlieferung, insofern sie Beschreibungen fremder Völkerschaften bzw. allgemein des Fremden beinhaltet. Sowohl hinsichtlich der Gegenstände als auch bezüglich der einzubeziehenden literarischen Genres, zeichnet sich der Quellenbestand durch große Heterogenität aus. Exemplarisch möchte die Untersuchung zeigen, wo im heute noch rekonstruierbaren antiken Diskurs die Beschreibungen fremder Völkerschaften und Länder ihren literarischen Ort fanden, in welchem Modus sie vorgebracht wurden und welche Funktion ihnen zukam. Hierfür werden als Kerntexte einerseits die sog. Historien des Herodot von Halikarnassos aus dem 5. Jh. v. Chr. mit ihren zahlreichen ethnographischen Exkursen herangezogen, andererseits die sog. Germania des Tacitus aus dem 1./2. Jh. n. Chr. Die vorliegende diskursanalytische Untersuchung im Sinne der "Archäologie" Foucaults, begibt sich auf die Suche nach der "Regelmäßigkeit der Aussagen", nach der "Regelmäßigkeit einer diskursiven Praxis", sogenannten diskursiven Formationen und ihren Gesetzmäßigkeiten. Während die Studie den diachronen Bogen sehr weit spannt, nimmt sie aber jeweils für die einzelnen Texte außerdem synchrone Analyseschnitte vor. Hinzu müssen notwendigerweise auch andere Quellen treten, in denen der öffentliche Diskurs Niederschlag gefunden hat.

Folgende Thesen liegen der Untersuchung zugrunde:

Erstens die epistemologische Auffassung, daß die Annahmen der postmodernen Geschichtsphilosophie zutreffend sind: Soziale Wirklichkeit und damit auch historische Wahrheit gelten als hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, durch sprachliche Handlungen konstruiert. Daraus folgt, zweitens, eine Ablehnung des subjekt- und autorzentrierten Erkenntnisbegriffs klassischer hermeneutischer Ansätze. Wo sich früher der Blick durch Texte auf Fakten, auf vergangene Wirklichkeiten richtete, verharrt er nun auf Texten als einzigen historischen Wahrheiten. Drittens wird im Zuge dessen der Begriff des Diskurses relevant, wie er von dem französischen Soziologen Michel Foucault geprägt wurde. Für seinen Bedeutungsgehalt folgt die vorliegende Untersuchung im wesentlichen den Auslegungen der Vertreter der Historischen Diskursanalyse (v.a. Achim Landwehr, Philipp Sarasin), die in ihren Arbeiten eine Adaption diskursanalytischer Methoden für die Geschichtswissenschaften vorschlagen. Daraus folgt für die Untersuchung der antiken Texte, fünftens, die grundlegende Frage, inwiefern sich die Diskursanalyse für eine Untersuchung antiker Verhältnisse überhaupt eignet und welche Instrumentarien hierfür möglicherweise noch modifiziert werden müssen. Grundsätzlich gilt, daß sogenannte Diskursstränge, diskursive Formationen aufgespürt werden sollen. Dies sind thematisch einheitliche Diskursfragmente, also Gruppen ähnlicher Einzelaussagen (enoncés), die sowohl synchroner als auch diachroner Natur sein können. In diskursanalytischen Untersuchungen werden diese Diskursstränge synchron geschnitten, um zu bestimmen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt wurde bzw. was sagbar war. Der Blick richtet sich also immer auch auf die Grenzbereiche von Diskursen, wo sichtbar wird, welche Aussagen eben nicht möglich waren, weil sie nicht im Rahmen des jeweils sozial Akzeptierten lagen. Die Untersuchung erhofft sich als Ergebnis mithin, sechstens, einen Ertrag auf zwei Gebieten: Zum einen auf dem theoretisch-methodischen Gebiet die Beantwortung der Frage, inwiefern die Mittel der Historischen Diskursanalyse insgesamt und für die literarischen Quellen der Alten Geschichte insbesondere, anwendbar und nutzbringend sind. Dies geschieht in der Absicht, einen der am meisten kritisierten und am wenigsten ernst genommenen methodischen Ansätze an einer konkreten historischen Fragestellung zu erproben. Zum anderen soll - gerade auch durch die Auswahl der beiden Kerntexte, deren Entstehungszeitraum mehr als fünfhundert Jahre auseinander liegt und die aus zwei vollkommen unterschiedlichen historischen Kontexten stammen - nachgewiesen werden, daß literarische Konstruktionen von Fremd und Eigen dem Bereich der sogenannten longue durée (F. Braudel) zuzurechnen sind. Selbst im Laufe der Jahrhunderte unterlagen sie in der Antike kaum essentiellen Veränderungen. Dabei wird die Zweiwertigkeit der Unterscheidung von Innen und Außen zu einer Dreiwertigkeit erweitert: um die dritte strukturelle Figur des neutralen Fremden.